Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, denke ich, dass ich bis zu meinem 35.Lebensjahr lediglich funktioniert habe. Als ob ich vollautomatisiert gelebt hätte. Meine Tagesabläufe waren wie ferngesteuert und ich rettete mich über die Wochenenden. Auf lange Sicht hangelte ich mich nur noch von Urlaub zu Urlaub.

Ich besaß einen tadellosen Lebenslauf. Ohne Lücken.

Mit 19 Jahren Abitur. Danach eine Ausbildung zur Bankkauffrau mit direkt anschließender Weiterbildung zur Bankfachwirtin.

Wir, mein Mann und ich kletterten die Erfolgsleiter stetig nach oben und verdienten beide gut. Wir bewohnten ein Eigenheim in einer beschaulichen Gemeinde in Bayern, fuhren zwei Autos und konnten uns mehrere Male im Jahr einen Urlaub leisten.

Doch die gesellschaftlichen Erwartungen und Vorgaben erschienen mir unüberwindbar und ich lief Gefahr innerlich zu verkümmern. Meine größte Angst war schon lange nicht mehr zu sterben, sondern dass ich schon weit vor meinem Tod nie begonnen hatte, wirklich zu leben. Ich fürchtete mich davor, zu einer dieser funktionierenden, seelenlosen Wohlstandsleichen zu mutieren und ehrlicherweise war ich bereits auf dem besten Weg dorthin.

Unser perfekt organisiertes Leben, das eine heile Welt vorgaukelte, fühlte sich für mich irgendwann nur noch leblos an.

Die Geburt unserer Tochter, ich war gerade 35 geworden, riss mich aus meinem Wachkoma. Anfangs äußerst schmerzhaft. Zeigten sich auf einmal alte Wunden und Themen, die ich zeit meines Lebens erfolgreich unterdrückt und verdrängt hatte.

Der Durst nach mir und meinem Leben war geweckt worden. Ich wollte mich wieder spüren, wollte lebendig sein.

Ich fing an, alles zu hinterfragen. Sämtliche gesellschaftlichen Vorgaben, meine eigene Erwartungshaltung oder die aus meinem persönlichen Umfeld. Und am allermeisten meine persönlichen Prägungen und Konditionierungen.

Auf einmal verstand ich so vieles nicht mehr. Es ging nicht in meinen Kopf, weshalb wir Menschen so lebten, wie wir lebten. Ich fragte mich, wann wir angefangen hatten, uns von anderen Menschen Institutionen oder der Gesellschaft vorschreiben zu lassen, wie unser Lebenslauf auszusehen hatte.

Es war, als ob ich die Anleitung für mein Leben verloren hatte und ich ständig Orientierung im Außen suchte und vermeintlich auch gefunden hatte. Bis mir klar wurde, dass mein innerer Kompass niemals verloren gehen konnte, sonderlich lediglich so verschüttet war, dass ich ihn nicht mehr wahrnehmen konnte.

Diese Erkenntnis war der Beginn meiner Ausgrabungsarbeiten.
Durch meine unermüdliche innere Arbeit folgten unweigerlich auch Schritte in meiner sichtbaren Außenwelt.

So kündigte ich nach fast 25 Jahren Betriebszugehörigkeit meinen Job bei einer deutschen Großbank, weil ich dem Druck dort nicht mehr standhielt. So verließen wir unter abenteuerlichen Umständen im Sommer 2020 Deutschland, um nach Teneriffa auszuwandern.

Mittlerweile leben wir auf dem Land in Dänemark. Unsere Kinder besuchen seit Jahren keine Schule mehr. Mein und unser Alltag als Familie verläuft sehr unkonventionell, wobei es darum im Grunde gar nicht geht. Es zählt für mich nur noch, wie sich unser Leben für uns anfühlt. Wir lernen ständig. Wir probieren aus. Und lassen uns immer weniger von anderen Menschen oder äußeren Umständen beeindrucken.

Ich bin ruhiger geworden und zugleich lebendiger.

Ich habe weiterhin Höhen und Tiefen. Wie jeder Mensch. Ich übe mich jeden Tag darin, fühlbar in mir zu sein. Ich stelle mich meinen Gefühlen und erforsche mein Innerstes. Aus vielen Ängsten, die ich hatte, konnte ich Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten entwickeln. Aus meinem Bestreben nach äußerer Freiheit ist eine Pilgerreise in meine innere Freiheit geworden.

Ich bin in mir angekommen, um mich ein ums andere Mal erneut auf die Reise zu mir zu begeben.

Ich fühle mich immer mehr in mir gehalten und verwurzelt.

Ich bin da.

MEINE BERUFLICHEN STATIONEN
Das ist mir in der Arbeit mit dir wichtig