Wovon lebt ihr eigentlich?

Diese Frage wird uns immer wieder gestellt. Im echten Leben oder natürlich auch in den sozialen Medien.

Bisher habe ich diese Frage immer erfolgreich vor mir hergeschoben. Sie umschifft oder auch einfach ignoriert.

Zum einen leben auch in mir noch die einen oder anderen Glaubenssätze in Bezug auf Geld. Wie zum Beispiel, dass man über Geld nicht spricht oder dass man sich von keinem anderen in die Finanzen schauen lassen sollte.

Zum anderen hat mich diese Frage tatsächlich auch oft irritiert. Mehr noch. Sie hat mich manchmal aufgeregt. Ich habe die Frage auch irgendwie nicht nachvollziehen können. Ich habe gedacht, dass sich doch jeder Mensch in der Situation befindet, dass er sich überlegen muss, wovon er leben möchte. Womit er Geld verdienen möchte.

Mittlerweile verstehe ich.

Unsere Art zu leben fällt aus der Norm. So werden wir nicht erzogen. Das wird uns so nicht beigebracht.

Unser Art zu leben bedeutet Risiko und Gefahr. Sowohl für einzelne Menschen als auch für bestehende Systeme.

Das gängige Lebensmodell, das uns unsere Gesellschaft vorgibt und vorlebt, bedient das Sicherheitsbedürfnis vieler Menschen, auch wenn es in Wirklichkeit keinerlei Sicherheit bieten kann.

Also nähere ich mich heute dieser Frage und möchte euch damit gerne einen weiteren Einblick in unsere kleine Welt geben.

Als wir Deutschland verließen, haben wir alle Brücken abgebrochen. Alle Versicherungsverträge gekündigt. Unseren Hausstand auf das Nötigste reduziert und unser Haus verkauft.

Wir haben uns dadurch ein finanzielles Polster erarbeitet, das uns einen gewissen Spielraum ermöglicht. Wir haben zwei Kinder, für die wir noch die Verantwortung tragen und für die wir so zumindest einen gewissen Halt und Rahmen schaffen wollten.

Für diesen finanziellen Spielraum haben wir den Großteil unserer Altersvorsorge aufgelöst und dieses Polster wird uns nicht bis zu unserem Rentenalter reichen. Schon gar nicht bis zu unserem Lebensende. Doch es bringt uns Beruhigung für einige Monate.

Nachdem mein Mann und ich uns gut ein Jahr lang einfach nur erholt, unsere Wunden versorgt und neue Kraft getankt hatten, haben wir letztes Jahr wieder angefangen zu arbeiten.

Mein Mann ist beratend im Logistik-Bereich tätig. Hauptsächlich online und nachdem Reisen für uns gerade wieder etwas leichter möglich ist, vielleicht zukünftig auch vor Ort mit dem jeweiligen Geschäftspartner.

Als wir noch in Deutschland waren, arbeitete ich als begleitende Kinesiologin in eigener Praxis. Im Moment begleite ich Menschen online und biete eine persönliche Zusammenarbeit mit mir auch hier vor Ort auf Teneriffa an.

Das ist wohl eine eher nüchterne Beschreibung dessen, wovon wir leben und liest sich vielleicht ziemlich locker und aus dem Hemdsärmel geschüttelt.

In der Realität ist es so:

Wir stoßen immer wieder an unsere Grenzen. Wir merken, wie sehr unsere alten Konditionierungen immer noch greifen. Wir haben immer wieder Zweifel, ob wir auf dem richtigen Weg sind oder stellen in Frage, ob all unsere Entscheidungen stets die richtigen waren. Und wir haben immer wieder Tage, an denen unsere Ängste wie aus dem Nichts geschossen kommen.

Das heißt, wir nehmen alles an, was sich gerade bei uns zeigt.

Wir reiben uns als Familie oder auch einfach mit uns selbst.

Wir setzen uns auseinander.

Wir versorgen unsere Wunden weiterhin.

Wir machen Innenarbeit. Immer wieder.

Wir sind bereit, jeden Schritt zu gehen, den es braucht, um unser Leben nach unseren Vorstellungen und Werten zu leben.

Und egal, wie viel Kraft es uns kostet. Egal, wie lange wir daran arbeiten müssen. Egal, wo unser Weg uns noch hinführt.

Es ist unser Weg. Und der ist alle Anstrengung wert. Wir würden weiterhin niemals in unser altes Leben zurückkehren wollen. Allein schon diese Vorstellung lässt uns stetig weitergehen.

Wir üben uns jeden Tag darin zu vertrauen und unser Leben zu genießen. Wir richten unseren Fokus ein ums andere Mal auf das, was wir erreicht haben und wie unglaublich frei unser Leben geworden ist. Wir sind jeden Tag dankbar, dass wir gesund sind und uns lebendig fühlen.

Auch davon leben wir.

2 Antworten auf „Wovon lebt ihr eigentlich?“

  1. Liebe Sylvia,
    auch wir sehen uns immer wieder mit der Frage konfrontiert, wovon wir leben, bzw. was wir denn den ganzen Tag so machen. Wir haben 2020 unser Geschäft aufgegeben und sind von Oberbayern nach Niederbayern gezogen. Unsere Tochter hat zu dem Zeitpunkt ihr Studium begonnen und geht freudig ihren eigenen Weg. Mein Mann und ich haben die Möglichkeit, mietfrei zu wohnen und unsere alte Wohnung zu vermieten. Das reicht für unsere Fixkosten und ein bisschen darüber, für den Rest muss das Ersparte und die Auszahlungssummen aller Versicherungen, die wir gekündigt haben so lange wie möglich halten. Für die meisten Leute ist es in unser leistungsorientierten Welt völlig unverständlich, dass wir unser „schönes Geschäft“ in dem wir beide jeweils eine 60 Stunden Woche absolviert haben einfach so aufgeben und tatsächlich glauben auf so viele Sicherheiten einfach verzichten zu können. Ich muss lachen, denn wir könnten noch auf viel mehr „verzichten“. Unser jetziger Wohnort wird nicht unsere Endstation sein. Mich zieht es ganz deutlich in wärmere Gefilde, bzw. ich möchte gerne noch so einiges von der Welt sehen, wenn es denn möglich sein wird. Mir ist unser jetziges Haus viel zu groß, ich möchte mich in Zukunft deutlich verkleinern (z.B. in eine Wohn- und Lebensgemeinschaft ziehen) und dadurch mehr Unabhängigkeit zu gewinnen. Die meisten Freunde aus unserem alten Wohnort finden das zwar gut aber doch ziemlich befremdlich. Und wir sind auch immer wieder mal mit unterschwellig zu spürendem Neid konfrontiert. Schade, aber solche Enttäuschungen sind eben auch Ent-Täuschungen.
    Wir sind demnächst für zwei Wochen auf Mallorca zum wandern. Fast wären wir nach Teneriffa geflogen. Dann hätte ich dich einfach kontaktiert 😉
    Ich wünsche dir und deiner Familie noch ein wunderbares Leben in aller Freiheit und Selbstbestimmung.

    Herzliche Grüße,
    Rita

    1. Liebe Rita,
      ich danke dir herzlich für dein Erzählen.
      Ja, wir sind mit unseren Lebensformen für viele Menschen Exoten und wir bedeuten Gefahr für die krampfhaft am Leben gehaltenen Sicherheitssysteme. Seitdem ich das für mich erkannt habe, verletzen mich viele Äußerungen nicht mehr so sehr.
      Wir sind auch noch auf dem Weg. Wie so viele Menschen.
      Und ich bin gespannt, wo uns unser Leben noch hinführen wird.
      Ich wünsche euch eine ganz wunderbare Zeit auf Mallorca. Wer weiß, vielleicht auch irgendwann auf Teneriffa.
      Herzliche Grüße
      Sylvia

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