Vom DU zum ICH

Vor einigen Jahren war ich mit meiner damals 11-jährigen Tochter im Auto unterwegs. Wir unterhielten uns und ich verpasste die Abzweigung, die ich eigentlich nehmen wollte. Auf meinen Vorwurf: „du hast mich abgelenkt“ antwortete sie umgehend: „du meinst wohl, du hast dich ablenken lassen“.

Touché.

Neben der Tatsache, dass ich ihr kurzfristig gerne den Hals ein wenig umgedreht hätte, freute ich mich diebisch. Es erfüllte mich mit Stolz, dass mir dieses junge Mädchen meine oftmals schnell ausgesprochenen Weisheiten an den passenden Stellen mit gelebten Beispielen um die Ohren schlug.

„Du hast mich abgelenkt.“

„Ich habe mich ablenken lassen.“

Zwei Sätze zwischen denen Welten liegen.

Der eine deutet mit dem Finger auf den anderen. Er sucht im Außen einen Schuldigen. Er spiegelt die erlernte Opferhaltung wider und lehnt die Übernahme von Verantwortung ab.

Der andere Satz führt zu uns. Er übernimmt Verantwortung für das eigene Handeln und drückt die eigene Entscheidungsfreiheit aus.

Unsere Welt trieft nur so von Du-Sätzen. Wir hören sie ständig und verwenden sie auch selbst.

Und es ist außerdem ein gefährlicher Trend, den ich beobachte. Ein neues Dogma, das uns vermitteln soll, dass der Nächste wichtiger sei als wir selbst. Es läuft auf eine Selbstaufgabe hinaus, in der wir die Bedürfnisse anderer über unsere eigenen stellen sollen.

Seit zwei Jahren werden unsere Grenzen permanent missachtet und unser Leben mit Übergriffigkeiten überfrachtet. An sich schon viel länger. Doch die letzten Monate machen es immer deutlicher und offensichtlicher.

Selbstfürsorge und Eigenverantwortung haben nichts mit Egoismus zu tun. Es ist vielmehr ein zutiefst menschlicher Akt, der von Liebe für uns selbst und auch für den anderen getragen ist.

Ein aufgeräumtes, verantwortungsvolles und in sich gefestigtes ICH, das für seine eigenen Bedürfnisse liebevoll einsteht, vermag viel mehr zu lösen und zu einem wertschätzenden Miteinander beitragen als ein sich selbst aufgebendes und anklagendes DU. Für eine starke, sich gegenseitig nährende und achtende Gemeinschaft ist es sogar unerlässlich.

Wir dürfen zu uns zurückkehren.

Und bei uns bleiben.

In Selbstliebe und Eigenverantwortung.

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