Kollektiv erlernte Hilflosigkeit

Von klein auf wird uns gesagt, was richtig oder falsch ist.

Wir werden darauf trainiert, auf andere zu hören. Auf andere Menschen, die wissen, was vermeintlich gut für uns ist. Die wissen, wie etwas „richtig“ gemacht werden muss. Die uns sagen, wie wir uns zu verhalten haben.

Schon sehr früh verlernen wir dadurch auf unsere innere Stimme zu hören. Wir haben oft keine Möglichkeit unsere eigenen Fähigkeiten zu entdecken, auszuprobieren und ihnen zu vertrauen.

Viel zu früh lernen wir dagegen, dass alle möglichen Menschen und Instanzen im Außen besser wissen, was für uns richtig oder falsch ist. Besser als wir selbst es angeblich wissen können.

Das beginnt schon im Kindergarten. Geht weiter in der Schule und zeigt sich in allen möglichen weiteren Situationen.

Die Ärzte wissen es besser.

Die Lehrer.

Die Politiker.

Das Internet und all die schlauen Ratgeber.

Und die eigenen Eltern meistens auch.

Jeder weiß es besser. Nur wir selbst wissen es nicht.

Wir durften immer weniger unsere eigene Selbstwirksamkeit erproben und warteten ständig auf die richtigen Lösungen von außen. Irgendwann verstummte unsere innere Stimme oder wir konnten sie nicht mehr wahrnehmen. Wir verloren das Vertrauen in unsere Fähigkeiten.

Wir landeten in der erlernten Hilflosigkeit.

Wohlgemerkt erlernt. Denn wir sind es an sich nicht. Wir haben ganz viele Fähigkeiten mit auf diese Welt gebracht. Wir glauben es einfach oft nur, weil es uns so antrainiert wurde.

Wenn ich mich weltweit so umsehe, dann ist das kein Einzelthema. Es wirkt auf mich viel eher wie eine kollektiv erlernte Hilflosigkeit, in die wir uns da hineinmanövrieren haben lassen.

Das Gute daran ist, dass wir alles, was wir gelernt haben, auch wieder verlernen können und dafür Neues lernen können. Vielleicht nicht von heute auf morgen. Nicht mit einem einzigen Fingerschnippen.

Jedoch in kleinen Schritten.

Mit Vertrauen in uns selbst.

Mit der Bereitschaft, wieder zu lernen.

Mit Offenheit, Neugier und Freude.

Mit einer ordentlichen Portion Humor über uns selbst lachen zu können, wenn uns etwas misslingt.

Mit ein bisschen Mut, Neues auszuprobieren.

Mit dem Wissen, dass es kein generelles richtig oder falsch gibt, sondern nur ein richtig oder falsch für jeden einzelnen Menschen.

Mit ein wenig Lust auf uns selbst. Lust, uns selbst neu zu erkunden. Lust darauf, herauszufinden, was wir selbst brauchen. Was unser Herz aufgehen lässt. Was uns das Gefühl gibt, wirklich zu leben.

Und dann ausprobieren. Spielerisch herausfinden, was für uns funktioniert. Nicht im Kopf, sondern so richtig real. Um zu erkennen, dass unsere Handlungen etwas verändern können. Um zu erleben, dass wir aus uns selbst heraus wirksam sind. Dass wir aus eigener Kraft in der Lage sind, Herausforderungen zu meistern.

Wir dürfen uns unserer Kompetenzen und Fähigkeiten wieder bewusst werden und diese vertrauensvoll für unseren ganz individuellen Lebensweg einsetzen.

Die Zeit ist mehr als reif und günstig dafür.

2 Antworten auf „Kollektiv erlernte Hilflosigkeit“

  1. Liebe Sylvia, ich bin absolut deiner Meinung. Die Lebendigkeit ist leider vielen Menschen abhanden gekommen und ich bin dankbar mir sie trotz vieler Gegenwehr über mehr als 35 Jahren beibehalten zu haben. Ich sehe es auch, dass doch viele Menschen wenig Zugang zu ihrer Lebendigkeit haben, mehr funktionieren als Leben und dabei nicht ahnend, was die tiefste Natur bereit hält. Toll dein Weg!! Nimm viele Menschen mit:))
    Ich schicke dir liebe Grüße aus Andalusien. Herzlichst, Isabel

    1. Liebe Isabel, wie schön, von dir zu lesen. Ich sehe auch so viele Menschen, die innerlich abgeschlossen haben und irgendwie nur noch funktionieren. Ich kenne das zu gut, waren wir selbst schon in dieser Situation. Danke für deine lieben Worte und ich wünsche dir weiterhin alles erdenklich Gute in Andalusien. Fühl dich herzlich umarmt, Sylvia

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