Der Tod, das Leben und wir

Der Tod ist mir vertraut.

Schon lange.

Meine Mutter wurde nur 29 Jahre alt. Mein Vater starb ebenfalls bereits mit 46 Jahren. Immer öfter wird mir bewusst, was für ein Glück ich doch habe, dass ich schon seit über 51 Jahren auf diesem Planeten wandeln darf.

Es gab eine Zeit, an denen ich mich dem Tod deutlich näher als dem Leben gefühlt habe. Heute erfreue ich mich an meinem Leben. Trotz dieser äußeren Umstände. Oder vielleicht auch gerade deswegen.

Das, was in den letzten zwei Jahren für mich am deutlichsten zum Vorschein kam , ist unsere zum Teil grotesk anmutende, fast panikartige Angst vor dem Tod.

Nun bin ich selbst ein bekennender Angsthase und Fürsprecher der so ungeliebten Angst. Ich persönlich kenne übrigens auch keinen Menschen, der völlig frei von Angst ist und das braucht es in meinen Augen auch nicht.

Wenn ich Angst verspüre, stelle ich mir immer zwei Fragen:

Was macht sie mit mir?

Und was mache ich dann aus ihr?

Vor allem die zweite Frage hilft mir meist aus meinem Angstsumpf. Denn es ist allein unser Umgang mit unseren Ängsten, der den Unterschied macht.

In dem Moment, wo wir uns unserer eigenen Ängste nicht annehmen, werden wir steuer-und kontrollierbar. In diesem Moment führt uns unsere Angst in die Abhängigkeit. Von wem oder was auch immer.

Wir haben unsere Angst vor dem Tod in den letzten Monaten zu einem schier unbesiegbaren Monster mutieren lassen. Dabei waren viele von uns sogar bereit, in einen reinen Funktions- oder Überlebensmodus zu schalten und ihn nicht mehr zu verlassen.

Wir verweigern uns unserer Endlichkeit und, schlimmer noch, unserem Leben. Wir sind nicht einmal in der Lage, für den wohl persönlichsten und intimsten Moment in unserem Leben die Verantwortung zu übernehmen.

Für unseren Tod.

Wie soll es uns da gelingen, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen?

Den eigenen Tod ins Gewahrsein zu bringen, bedeutet, sich mit beiden Beinen im Leben zu verankern. Es heißt, das Leben in jeder einzelnen Sekunde auszukosten. Nicht mehr und auch nicht mehr weniger.

Vor ein paar Tagen ging ich spazieren und sah in einiger Entfernung ein älteres Paar stehen, das die Aussicht genoss. Als ich mich weiter näherte, setzten die beiden ihre FFP2-Masken auf und wendeten ihren Blick von mir ab. Ich ging mit einem ausreichend großen Abstand an ihnen vorüber und grüßte sie freundlich.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte mir das einen Stich versetzt. Ich hätte mich gekränkt gefühlt, dass andere Menschen mich als Bedrohung oder als Gesundheitsrisiko wahrnehmen. Dieses Mal empfand ich tiefes Mitgefühl. Mitgefühl für diese beiden älteren Menschen, die sich aus Angst vor Krankheit und dem Tod vor anderen verschließen und diese Angst ihr Leben bestimmen lassen.

Wenn ich in die Zukunft schaue, sehe ich mich als alte, gütige Frau, die das Leben und zu gegebener Zeit auch den Tod mit offenen Armen empfängt.

Ich bin überzeugt davon, dass wir alle mit einer großen Portion Vertrauen in diese Welt hineingeboren werden. Wie anders könnten wir uns sonst auf dieses Abenteuer einlassen.

Morgen ist Heiligabend und ich wünsche mir, dass es uns als Menschheit gelingt, an dieses Vertrauen wieder anzuknüpfen. Dass es uns gelingt, erneut Vertrauen in uns selbst, in andere Menschen, in das Leben an sich und am Ende auch in den Tod zu gewinnen.

Vertrauen und Liebe in das Leben sind für mich der einzige Weg, wirklich zu leben, um dann, irgendwann, auch mit viel Vertrauen und Liebe in den Tod gehen zu können.

2 Antworten auf „Der Tod, das Leben und wir“

  1. Jeder hat Angst vor dem Tod
    Das ist schon unser Selbsterhaltungstrieb.

    Mit dem Tod müssen dir leben um so früher man sich damit auseinandersetzt um so besser ist es.

    1. Ja, der Tod ist bereits bei unserer Geburt mit im Gepäck.
      Und ich mag es, mich mit den Themen des Lebens auseinanderzusetzen.
      Der Tod gehört da für mich unbedingt mit dazu.

      Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Ihre Gedanken mit mir zu teilen.

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