Auswandern bringt doch eh nichts

Diesen Satz höre oder lese ich immer wieder.

Oft von Menschen, die hierzu auf keinerlei eigene Erfahrungswerte zurückgreifen können. Sie untermauern ihre gewagte These meist mit dem Argument, dass man sich selbst mit den eigenen Themen doch sowieso überall mit hinnimmt. Oder sie halten anderen auch gerne mal vor, dass sie sich nicht genügend durchbeißen würden und dass es nicht in Ordnung sei, das „sinkende Schiff“ zu verlassen.

Da wir als Familie diesen Schritt bereits gegangen sind, möchte ich gerne meine Gedanken dazu mit euch teilen.

Es stimmt tatsächlich.

Egal wohin wir gehen, wir nehmen uns immer selbst mit und unsere unbearbeiteten Themen bleiben selbstverständlich unserem persönlichen Rucksack erhalten. Das haben wir auch so erlebt. Hautnah.

Da kamen auf einmal Themen zum Vorschein, von denen wir gar nicht wussten, dass sie überhaupt existierten. Und das, obwohl wir in Deutschland schon so viele unserer eigenen Baustellen bearbeitet hatten.

Es macht allerdings einen entscheidenden Unterschied, in welcher Umgebung wir uns unseren Themen stellen. Die äußeren Umstände, unser persönliches Umfeld haben einen enormen Einfluss darauf, wie wir uns mit unseren Themen auseinander setzen können.

Wir dürfen uns erlauben, für uns zu sorgen und, soweit es uns möglich ist, wählen, wo und wie wir leben möchten. Ich gehe auch gerne einen Schritt weiter. Wir tragen sogar die Verantwortung dafür, uns für unser Wohlbefinden ein uns nährendes Umfeld zu suchen oder zu erschaffen.

Ja und dann die uns immer wieder erzählte Geschichte vom Durchbeißen. Das können wir. Unsere Zähne zusammen beißen. Kämpfen. Auf keinen Fall aufgeben. Keine Schwäche zeigen.

Es ist schon auch wichtig, sich im Leben für etwas einzusetzen. Nach Lösungen zu suchen. Oder Wege zu finden, die es uns ermöglichen in einer Situation bleiben zu können.

Aber, wer zum Henker, hat uns Glauben gemacht, dass wir eine Situation nicht auch einfach verlassen dürfen? Eine Partnerschaft oder Freundschaft, den Arbeitgeber oder die Schule oder eben auch den Wohnort?

Wir Menschen kommen mit einer angeborenen, stark ausgeprägten Anpassungsfähigkeit auf die Welt. Das ist gut und ebenfalls wichtig, weil wir ansonsten gar nicht überleben könnten. In einigen Fällen kann diese Fähigkeit sogar überlebensnotwendig für uns sein. Was ich aber immer mehr beobachte, ist eine Anpassungsbereitschaft, die das gesunde Maß weit überschreitet.

Wenn wir unsere Bereitschaft zur Anpassung über die Erfüllung unserer ureigenen Bedürfnisse stellen, verraten wir uns selbst Wir verkaufen unsere Seele an Dogmen, die wir selbst nicht aufgestellt haben und die nicht unserer wahren Natur entsprechen. Wir vergiften uns selbst und laufen Gefahr, nach und nach innerlich abzusterben.

Unsere Tochter war in diesem Bereich wohl mein größter Lehrmeister. Wir oft habe ich mir gewünscht, dass sie sich doch an dieses unsäglich krankmachende System anpassen möge. Und wir oft hat sie alles in die Waagschale geworfen, um nicht daran zugrunde gehen zu müssen. Durch sie habe ich noch einmal mehr begriffen, welche Auswirkungen es haben kann, sich ständig gegen den eigenen Willen anpassen zu müssen. Durch sie habe ich gelernt, dass es sich lohnt, für sich selbst und die eigenen Werte einzustehen.

Das schadet übrigens auch keinem anderen Menschen.

Im Gegenteil.

Wenn wir alle achtsam für uns und unsere seelischen Bedürfnisse sorgen würden, wären wir der Nächstenliebe ein ganzes Stück näher.

Auswandern ist somit natürlich kein allgemein gültiges Allheilmittel. Das gibt es in meiner Welt sowieso nicht. Es ist aber für den einen oder anderen Menschen genau der richtige und heilsame Weg.

Ach so und falls das Schiff tatsächlich sinken sollte, ist es manchmal auch überlebensnotwendig, es rechtzeitig zu verlassen.

In welcher Form auch immer.

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